Das Nordkapp ruft

Mein Weg führt mich nun vom Camping entlang der Strasse 15 nach Kronstad. Die Strasse stellt eine ordentliche Abkürzung da und ich kann Alta komplett umgehen und komme so nach zwei Stunden an der E6 raus. Hier gehe ich im Coop (es ist die letzte Einkaufsmöglichkeit vor Olderfjord) nochmal fix einkaufen und mache mich dann auf den Weg in das Tverrelvdalen.

Die E6 bei Kronstad

Kurz bevor der Weg abzweigt mache ich am Strassenrand noch eine Pause. Wie immer nach den Ruhetagen finde ich wieder einmal nicht in meinen Laufrythmus hinein. Das merke ich dann auch später als es durch das Tal geht und die Strasse in eine Schotterpiste über geht und langsam in das Fjell aufsteigt. Ich bin ziemlich aus der Puste und ich quäl mich ganz schön den blöden Berg hinauf und bin sogar kurzfristig am überlegen irgendwo auf dieser Serpentine die sich den Berg rauf schraubt das Zelt aufzustellen. Aber ich ringe mich dazu durch weiter zu gehen und das Gelände wird dann auch langsam ebener.

Übergang vom Tverrelvdalen ins Østerelvdalen

Ich blicke zurück ins Tal und ja kein Wunder das ich so fertig bin, hat sich der Weg doch jetzt mal eben um 300 hm hoch geschraubt. Ich laufe um den kleinen Tverrfjelltjønna herum und steige nochmals etwas auf. Wahnsinn was sich vor mir für eine Landschaft auftut. Um mich herum weiden Rentiere und der Blick in die Ferne ist atemberaubend.

Dann kommt der Abzweig der Quadspur. Würde ich nun geradeaus folgen würde ich in etwa 10 km auf den E1 Wanderweg stoßen. Dieser führt vom Nordkapp bis hinunter nach Sizilien. Dann müsste ich aber heute zelten und darauf habe ich keine Lust. Ich werde der rechts abzweigenden Spur folgen die mich zu einer kleinen DNT Schutzhütte der Reinbukkelvhytta führt. Von dort werde ich dann morgen ein paar Kilometer querfeld laufen um wieder auf die Quadspur zu treffen.

Es dämmert bereits als ich die kleine Schutzhütte erreiche. Die Hütte wurde erst 2015 neu errichtet und ist einfach aber gemütlich eingerichtet. Im großen Vorraum gibt es jede Menge Holz für den Ofen und die Stube wartet mit zwei Betten und einer Sitzgelegenheit auf. Nur einen Kochmöglichkeit gibt es nicht, dafür aber einen kleinen Jøtul der schon nach ein paar Minuten eine behagliche Wärme in der Hütte verströmt.

Im letzten Licht des Tages hole ich Wasser am Bachlauf und gehe im Schein meiner Kopflampe zurück zur Hütte. Ich koche zu Abend, bereite mir einen Tee zu und verkrieche mich schon alsbald ins Bett.

Der nächste morgen schaut richtig gut aus. Die Sonne kommt gerade hinter den Bergen hervor und die Wolken hängen in losen fetzten über der Landschaft. Der Tag verspricht gut zu werden auch wenn es noch immer richtig kalt ist.

Von der Hütte laufe ich ein kleines Stück dem Weg nach und dann querfeldein zu der Quadspur die ich am Abend zuvor verlassen hatte.

Die vier Kilometer weglos sind gut zu laufen und so stehe ich nach einer Dreiviertelstunde bereits wieder auf dem Weg der sich nun den Rest des Tages vor mir durch die Landschaft schlängeln wird.

In der Ferne sind die Berge des Stabbursdalen Nationalparks zu sehen, in denen noch die Wolken hängen. Auf dessen Grenze werde ich die nächsten zwei Tage laufen.

Ich kann mich an der Landschaft kaum satt sehen die bei bewölkten Himmel einfach nur braun und triste wirkt. Aber sobald die Sonne heraus kommt leuchtet das gesamte Fjell in braun, rot, gelb, orange und überall glitzern grosse und kleine Seen.

So laufe ich dem Weg nach und frage mich bereits seit einiger Zeit was es mit diesen Steinhaufen auf sich hat die entlang der Spur verstreut sind. Des Rätsels Lösung offenbart sich mir ein paar Stunden später. Es waren die Fundamente für Telegrafenmasten die später auch noch in den Haufen stecken. Zum Großteil sind sogar noch die Isolatoren von 1919 vorhanden und trotzen seit einem Jahrhundert dem Wetter hier in der Finnmark.

Während ich eine Pause halte höre ich in der Landschaft die ganze Zeit das geknatter eines Quads. Irgendwann kommt der Fahrer auch mit seinem voll gepackten Gefährt über einen Hügel und hält auf mich zu und kommt vor mir zum stehen.

Ob alles in Ordnung ist will er wissen. Ich schluck meinen Bissen Knäckebrot mit Baconøst herunter und bejahe. Wo ich hin will möchte er wissen und bleibt dabei wie ein Cowboy auf seinem Gefährt sitzen und schaut zu mir runter. Ich sage ihm das ich auf dem weg zum Nordkapp sei. Er schaut mich etwas irritiert an und bedeutet mir das dass Nordkapp aber in die andere Richtung liege. „Ich will auf den E1 beim Stabbursdalen Nationalpark“ sage ich ihm, wobei er dann auf den Gebirgszug in der Ferne zeigt und mir sagt das der E1 dort liege. Dann braust er davon.

Das war jetzt aber ne komische Begegnung.

Ich packe zusammen und laufe weiter. Gegen Mittag kommt dann der Abzweig zum E1 in Sicht. Wobei ich mir noch nicht einmal wirklich sicher bin ob der Abzweig der richtige ist. Aber zwischen den ganzen Sträuchern liegen überall Steine mit nem roten Punkt verstreut. Dann muss ich wohl richtig sein. Hier verlaufen nur gerade mehrere Wege durch die Landschaft und vor allem Kreuz und quer.

Ich folge dem Trampelpfad mit den roten Punkten und stelle fest das ich schon vor zehn Minuten eine der Quadspuren hätte nehmen können die von meinem Hauptweg abgezweigt war, denn auf die komme ich jetzt wieder drauf.

Ich laufe über den Stabburshaugen, einen 444m hohen Aussichtshügel hinweg und geniesse die Aussicht. Rechts unter mir liegt in einem Tal der Nordre Stabbursdalsvannet mit ein paar Ferienhäusern dran. Wer hierher zum Angeln kommt ist zu Fuß zwei Tage unterwegs, oder nimmt das ATV.

Der Weg verläuft den Rest des Tages über kleinere Hügel und entlang von mehreren Seen und nun zum späten Nachmittag kommt ordentlich Wind auf.

Als es am Ruhkkojávri über eine langgezogener Hügelkette geht lasse ich den Blick über die Landschaft schweifen. Rechts unter mir mäandern zwei Flüsse durch das Tal. Ich brauche einen Moment bis ich kapiere das ich in das Stabbursdalen hinein schaue, einen der nördlichsten Nationalparks Norwegens. Nur der Seiland und Varangerhalvøya Nationalpark liegen neben den Nationalparks Spitzbergens nördlicher.

Die Landschaft ist nur leicht hügelig und man kann mitunter Kilometerweit in die Ferne schauen. An einigen Stellen verschwindet die Quadspur der ich folge einfach in den Sträuchern und Zwergbirken und man läuft von Markierung zu Markierung bis der Weg irgendwann wieder auftaucht.

Es geht nun langsam auf die 18 Uhr zu als ich anfange nach einem Lagerplatz zu suchen. Vorhin hatte ich ohne Ende Möglichkeiten zum campieren gefunden. Jetzt aber ist um mich herum überall nur dichtes Strauchwerk. Die beste Stelle wäre vor dem Bohkošjávri gewesen. Aber dann wäre es mir bis zum Wasser zu weit. So laufe ich noch bis zum Ablauf des Sees den ich auch noch furten muss. Das Wasser ist eiskalt und reicht bis zu den Knien. Auf der anderen Seite angekommen mache ich mir erst gar nicht die Mühe die Schuhe wieder anzuziehen und laufe in den Crocs entlang des Ufers um einen Lagerplatz zu finden. Fündig werde ich bei einer kleinen Feuerstelle die leicht vermüllt ist und baue im immer kräftiger werdenden Wind mein Zelt auf.

Abend im Stabbursdalen from Thomas Suchy on Vimeo.

Die Nacht über bleibt der Wind kräftig und rüttelt am Zelt. Am Morgen bekomme ich das kleine Ringstind kaum abgebaut so windet es. Dann geht es über die Hügelkette Bohkošgielas immer weiter in das Stabbursdalen hinein. Teils wird der Weg echt schwierig. Da der Wanderweg eben auch die Quadspur ist und diese ist von den ATV´s mitunter ganz schön umgepflügt und das laufen in dem Matsch oder das springen von Grasbüschel zu Grasbüschel ist echt nicht ohne.

Durch das ganze gerutsche und gespringe tut mir langsam aber sicher das linke Knie weh. Irgendwas beißt da unter der Kniescheibe und das fühlt sich so überhaupt nicht richtig an. Umso mehr freue ich mich das sich der Weg nach einiger Zeit wieder etwas normalisiert als es in das Stabbursdalen hinunter geht. Ich bin nun soweit ins Tal hinab gestiegen das ich wieder Birken um mich herum habe. Hier zwischen den Birken werde ich eine kleine Pause einlegen. Auch hole ich die Regenhose raus, denn von Süd-Westen zieht es sich ganz schön zu.

Immer weiter führt mich der Weg hinein in das Stabbursdalen und der Weg gleicht zum Großteil einer einzigen Offroad Piste. Zu allem Überfluss führt der Weg noch am Bastinjávri durch Sumpfland, was das voran kommen noch weiter erschwert.

Laut Karte führen hinter dem Bastinjavri mehrere Wege zusammen und hinter einem Rentierzaun verpasse ich dann auch noch meine Abzweigung. Keine Ahnung wieso, aber ich renne stur der Quadspur hinterher und das obwohl der Abzweig gut markiert ist. Also darf ich als ich mir mein Fehler bewusst wird wieder ein paar hundert Meter zurück laufen. Zurück am Abzweig treffe ich auf einen Jäger der hier gerade seine Ausrüstung in einem Toilettenhäuschen verstaut hat und gleich wissen möchte ob ich noch andere Wanderer gesehen habe. Nach einem kleinen Plausch verabschieden wir uns und ich wünsche ihm eine gute Jagd.

Der Weg steigt nun über den Geinnodatgielas an und ich bekomme eine schöne Aussicht auf die Strecke zurück geboten. Auch wenn es nun anfängt zu regnen. Aber die Regensachen habe ich ja eh schon an.

Am Leaktojávri geht es nun wieder auf extrem matschigen Weg den Holvungielas hinauf. Wieder schlägt bei dem Anstieg mein Knie zu und ich komme kaum noch den Berg hinauf und nach einer weiteren Stunde fange ich ernsthaft an mir Sorgen zu machen. Ich beiße nur noch die Zähne zusammen und quäle mich durchs Gelände. Dann mit Blick auf den Gilddodoaivi und der Karte in der Hand fällt die Entscheidung. Auf der Karte ist Rechts vom Gilddosoaivi eine Quadspur an einem See eingezeichnet. Diese führt hinunter an die E6 und den Porsangerfjord.

Eigentlich wollte ich es heute bis zum Skaiddejavri schaffen und da das Lager aufschlagen, um es dann am kommenden Tag bis nach Olderfjord zu schaffen. Jetzt gerade bin ich einfach nur froh wenn ich es morgen bis zur Strasse schaffe so schmerzt jeder Schritt.

Die Würfel sind gefallen und ich laufe langsam die fünf Kilometer weglos bis zu der Quadspur am Čoalbmejávri. Das Gelände ist denkbar einfach zu laufen, doch jeder Anstieg ist die Hölle und ich bin heilfroh das ich es in gut zwei Stunden geschafft habe.

Am frühen Abend erreiche ich die Quadspur der ich dann noch ein Stück folge, bevor ich dann mein Lager an einem kleinen Bachlauf aufschlage.

Dann geht es morgens entlang der Quadspur hinunter zur E6. Die ersten Meter denke ich noch das sich mein Knie wieder eingerenkt hat, werde aber bei ersten Anstieg eines besseren belehrt. Sofort fühlt es sich an als würde mir jemand mit einer Stricknadel unter der Kniescheibe rumpuhlen und ich bin mehr als froh wenn es nicht weiter bergauf geht. Gerade strecken gehen ohne Probleme, nur eben bergauf und abwärts ist mehr als bescheiden.

So erreiche ich nach drei Stunden die E6 bei Austmo. Hier mache ich nochmals Rast bevor es entlang der Strasse weiter geht. Erst bei Indre Billefjord streiche ich entgültig die Segel und überwinde mich dazu den von hinten kommenden Autos den Daumen hoch zu halten. Leider bleiben meine Bemühungen eine Zeitlang erfolglos und von der Beifahrerin eines weißen Berlingo aus dem Hochsauerlandkreis, der sogar erst noch langsamer wird, wird mir sogar noch der Mittelfinger gezeigt. Ich rege mich über dieses Verhalten tierisch auf und und denke noch das jetzt nur noch der Schalke Aufkleber am Heck fehlt und siehe da der Aufkleber vom Dortmunder Erzrivalen klebt an der rechten Seite. Ich fluche laut und rufe ein paar böse Worte hinter her! So ein verhalten geht gar nicht.

Aber irgendwann hält dann ein Volvo neben mir. Der Mann ist auf dem Weg zurück nach Hammerfest und nimmt mich bis Olderfjord mit. 20 Minuten später stehe vor dem Russnes Camping. Im Cafe bestelle ich mir einen Kaffee und Muffin und werfe das Tablet an. Ich will wissen ob Tobias noch hier ist oder ob er schon weiter gezogen ist. Keine zehn Minuten später steht er mit einer Pizza in der Hand vor mir und ich folge ihm ein paar Minuten später zu seiner Hütte hinauf.

Als Begrüssung bekomme ich ein „Du bist doch getrampt!“ gedrückt. Aber als ich die Stufen der Hütte hinauf humpel schaut er mich ein wenig sparsam an. „Was hast du denn gemacht?“ will er wissen. „Vermutlich war einfach der Schlamm auf dem E1 zuviel für mich“ sage ich ihm.

Die Nacht werde ich mit Tobias die Hütte teilen. Er macht sich dan am kommenden Tag weiter auf den Weg entlang des E1 auf der Porsangerhalbinsel. Ich werde hier wohl noch einen zusätzlichen Pausentag einschieben und schauen was das Bein macht.

Zwei Tage später glaube ich das es wieder geht. Doch als ich den Rucksack aufsetze und die Stufen der Hütte runter will kippe ich fast um. Das wars wohl für mich! Um 11.15 Uhr geht der Bus nach Honningsvåg. Die Etappe von hier durch den Nordkapptunnel nach Honningsvåg hat sich wohl ausgelaufen. Für die nächsten 70 km ist Bus fahren angesagt. Die Fahrt bekomme ich auch noch umsonst, da das Kartenlesegerät des Fahrers meine EC Karte nicht mag. Ich sitze am Fenster und schaue mittelschwer niedergeschlagen auf das Meer hinaus, während der Bus eine Kurve nach der anderen in Richtung der Insel Magerøya nimmt. So hatte ich mir die letzte Etappe gewiss nicht vorgestellt.

Als ich am Vandrerhjem in Honningsvåg ankomme erwartet mich bereits Hansjörg dem ich am morgen schon getickert hatte das ich gefahren komme.

Mit Hansjörg hatte ich mich ja noch in Alta getroffen und er ist dann nach Honningsvåg gefahren um auf Magerøya noch ein paar Ziele abzulaufen.

Das Vandrerhjem in Honningsåg

Wir drehen am Nachmittag eine kleine Runde durch die kleine Hafenstadt. Am Abend sitzen wir vor unseren Mobilgeräten und staunen nicht schlecht. Tobias sein Spot zeigt an das er schon kurz vorm Nordkapptunnel ist und morgen schon hier sein könnte. Er hat die knapp 60 km von Olderfjord bis zum Tunnel in nur zwei Tagen zurück gelegt.

Hansjörg und ich verabschieden uns am Abend bereits wieder voneinander. Denn am kommenden Morgen geht bereits sein Flieger zurück in die Heimat.

Dafür tickert am morgen beim Frühstück mein Messanger. Tobias will wissen wo ich bin. Als ich ihm schreibe das ich in Honningsvåg im Vandrerhjem bin lässt er mich wissen das er in vier Stunden auch da sein wird.

Wir beschließen am kommenden Tag den Endspurt zusammen in Angriff zu nehmen. Am Abend lernen wir noch Doris aus Salzburg kennen, die vom südlichsten schwedischen Punkt in Smyggehuk gestartet ist und es in gut fünf Monaten bis hier hoch geschafft hat.

Als ich früh morgens aus dem Fenster schau muss ich mir die Augen reiben. Es schneit! Und das nicht gerade knapp. Der Winter ist wohl angekommen. Angesagt war er ja schon sein ein paar Tagen, aber nun scheint er wohl da zu sein. Wir starten um elf Uhr und gehen nun die 22 km bis nach Skarsvåg an.

Skarsvåg mit seinen 60 Einwohnern gild als das nördlichste Fischerdorf der Welt. Etwa einen Kilometer Luftlinie entfernt liegt die markante Felsformation Kirkeporten. Am Ortseingang liegt der Basecamp North Cape Camping (ehemals Kirkeporten Camping), der als nördlichster Campingplatz der Welt bezeichnet wird.

Die Strasse führt uns entlang des Skipsfjorden bis zum Camping Skipsfjord, wo wir eine kurze Kaffeepause einlegen.Dann schlängelt sich die Strasse in einigen Kehren steil den Fels hinauf. Der Wind ist hier oben auf dem Plateau richtig böig und kalt und schneidet ganz schön ins Gesicht.

Die Strasse windet sich durch die Landschaft und dann kommt der Tufjord mit der Nordkapp Halbinsel in Sicht. Mit Tobias kann ich bereits nicht mehr mithalten. Zu sehr behindert mich mein Knie an einem etwas höheren Tempo und so schleiche ich gemächlich die Strasse entlang.

Sieben Kilometer und knapp zwei Stunden später laufe ich am Nordkapp Camping ein wo Tobias bereits wartet. Er wäre schon um die Gebäude rumgeschlichen sagt er mir, aber hier ist alles zu. Mich verwunderts nicht. Ist der Camping zu dem wir wollen noch einen Kilometer weiter entfernt. Aber die Pause ist mir recht. Mein Knie möchte mich gerade gefühlt unter die Erde bringen. Solche Probleme hatte ich ja schon seit Jahren nicht mehr gehabt.

Wir laufen die Strasse weiter entlang des Storvatnet und am Ende des Sees können wir schon den Camping sehen und gegenüber des Sees erhebt sicht die Nordkapp Halbinsel mit dem Nordkappfelsen, unserem Ziel! Wir beziehen eine der Hütten, wechseln aber nach einer viertel Stunde in eine andere weil die Heizung einfach nicht warm wird. Den Rest des Tages sind wir dann richtig faul. Abends gibt es dann noch einmal ein paar Polarlichter zu sehen. Leider nicht mehr so beeindruckend wie noch vor einiger Zeit aber egal.

Tobias startet am morgen schon gegen acht Uhr in Richtung Nordkapp. Er will zuerst das Nordkapp anlaufen und danach den Knivskjelloden. Ich bin mir noch unschlüssig ob ich starten will weil ich mir immer noch etwas Sorgen um mein Knie mache. Der gestrige Tag war schon echt grenzwertig.

Gegen zehn bezahle ich dann die Hütte und mache mich um elf doch auf den Weg. Ich beschließe nur bis zum Knivskjelloden zu laufen und das Nordkapp einen Tag später zu machen. So kann ich das Ende der Tour noch um einen Tag hinaus zögern. Es geht den Kilometer bis zum Nordkapp Camping zurück und dann rechts ab zum Nordkapp.

2018-11-12 from Thomas Suchy on Vimeo.

Nun habe ich noch gut 10 Kilometer auf Asphalt vor mir die sich durch die Landschaft schlängeln bevor der Parkplatz zum Knivskjelloden kommt.

Knivskjellodden ist der Name einer Landzunge auf der norwegischen Insel Magerøya. Sie liegt 4,18 Kilometer westlich des Nordkaps und mit 71° 11′ 08″ nördlicher Breite etwa 1.400 Meter weiter nördlich als dieses, womit Knivskjellodden der nördlichste Punkt dieser Insel ist. Er ist allerdings weniger spektakulär als das Nordkap, weil er im Gegensatz zu diesem nur flach ins Meer hinausragt.

Der Weg führt vor vorbei an einem Souveniershop irgendwo im Nirgendwo und ich frage mich ob die Touristenbusse die hier täglich vorbei kommen einen Pflichtstop einlegen.

Dann erreiche ich den Parkplatz zum Knivskjelloden. Ab hier geht es über einen recht steinigen 9 km langen Wanderweg erst am Jalgavarri vorbei und dann hinunter zur Bucht Knivskjelvika. Hier an der Bucht gibt es ein wundervolles Tal durch das ein Bach fließt und das ein paar Traumhafte Lagerplätze zu bieten hat. Meinen Lagerplatz habe ich mir jetzt schon auserkoren und freue mich schon darauf hier meine letzte Zeltnacht verbringen zu können.

Ich folge den letzten 1,5 km den roten Markierungen entlang der Landzunge und muss feststellen das die letzten paar hundert Meter es nochmals richtig in sich haben. Der Weg ist schlammig und rutschig wie was weiß ich was und direkt vor dem Steinhaufen der den nördlichsten zu Fuss erreichbaren Punkt Europas markiert lege ich mich direkt noch zwei Mal glorreich auf die Nase. Zumindest hat es wohl meinem Knie was gebracht. Denn das tut gerade nicht mehr weh. Juhu! Ich bleibe vor dem Steinhaufen stehen, hole tief Luft und mache die letzten Meter und lege meine Hand an den Stein. Nördlicher geht es zu Fuss nicht. Ich steige ein paar Meter den Hang hinauf, setze den Rucksack ab und gehe zu dem kleinen Kasten in dem ein Besucherprotokoll liegt und trage mich ein. Dann koche ich mir was zu essen und eine heiße Schokolade und schaue lange auf den Steinhaufen und das dahinter liegende Nordkapp. Irgendwie will aber keine Freude über das geleistete und die Ankunft hier aufkommen. Aber auch keine traurigkeit darüber das es nun vorbei ist. Ich sitze nur da.

71° 11′ 08″, nördlicher geht es zu Fuss nicht

Ich packe langsam wieder zusammen und mache mich auf den Weg zurück zur Bucht.

Auf halben Wege sehe ich zwei Wanderer an den Lagerplätzen rumlaufen. Ist das Tobias? Aber wer ist das bei ihm? Des Rätsels Lösung habe ich etwas später. Tobias ist am Nordkapp der Doris aus Salzburg begegnet. Beide wollten eigentlich noch zum Knivskjelloden, haben aber gerade nicht mehr die Muße um jetzt noch hin zu laufen und als ich ihnen erzähle wie schlammig und rutschig es dort ist wollen sie erst recht nicht mehr hin.

So schlagen wir gemeinsam am Bachlauf unser Lager auf und machen ein Stück unterhalb in der einsetzenden Dämmerung ein schönes Feuer. Bei aufgehenden Vollmond über dem Nordkappfelsen und im Schein des Feuers sitzen wir da und unterhalten uns leise. Lang wird der Abend nicht. Denn trotz des Feuers ist es ordentlich kalt und unsere Schlafsäcke locken uns doch sehr.

Früh am morgen werde ich wach. Der Wind drückt mir das Zelt ins Gesicht und in der Schlafkabine ist eine dicke Fütze. Ich habe mir nämlich in den letzten Wochen angewöhnt das Zelt in der Nacht komplett offen zu lassen und nun regnet es mir in die Schlafkabine. Ich mache das Zelt dicht und putze alles trocken. Aber schlafen kann ich nicht mehr. Zu heftig zerrt der Wind am Zelt und so brechen wir zu dritt um noch nicht mal acht Uhr am Morgen auf zum Nordkapp. Tobias und Doris weil sie dort den Bus um 14 Uhr nehmen wollen und ich bringe heute entgültig meine Tour zu ende. Eigentlich hatte ich gestern schon fast beschlossen direkt nach Honningsvåg zurück zu fahren, aber Tobias hat mir eingetrichtert das die Tour erst am Nordkapp zu ende ist. Na dann!

So laufen wir die neun Kilometer zurück bis zur Strasse und dann die letzten sechs auf der Strasse zum Kap. Der Wind nimmt immer mehr zu und auf dem letzten Kilometer kommt ein dicker Schneeschauer durch und ich sehe nichts mehr. Ich drehe mich mit dem Rücken in den Wind und stehe den Schauer einfach aus. Als es wieder aufhöhrt setze ich meinen Weg das letzte Stück fort.

Dann kommt das Nordkappschild und das Pförtnerhaus in Sicht. Ich stemme mich gegen den immer kräftiger werdenden Seitenwind und laufe auf den Pförtner zu, der mir gerade den Daumen hoch reckt als mich eine Böe packt und mich komplett an der Pförtnerbude vorbei schiebt.

Dann geht es über den Parkplatz und auf die Weltkugel am Kap zu. Wieder bleibe ich stehen und halte inne. Der Moment jetzt gerade ist irgendwie komplett anders als der gestrige. Ich fühle mich total komisch und es ist fast so als ob ich diese eine Nacht noch gebraucht hätte um zu realisieren das ich nun wirklich am Ziel bin, das ich wirklich Norwegen der Länge durchquert habe und ich nun nur noch ein paar Meter machen muss und ich dann am Ziel bin. Langsam laufe ich auf die Weltkugel zu und steige die Treppe hinauf. Ich lege meine Hand an den kalten Stahl und in dem Moment überrollen mich die Emotionen. Ich recke den Arm mit den Trekkingstöcken hoch, jubel laut und kann mir ein paar Tränen nicht verkneifen.

Dann steht auch schon Tobias vor mir um ein paar Fotos zu machen und um mir zu gratulieren.

Nordkapp – 71° 10′ 21″

Es ist gleich zehn Uhr und das Visitorscenter öffnet seine Pforten. Wir gehen rein und werden uns gleich im Restaurant an der Suppe genüsslich tun.

Drei Stunden später steht Nadine in der Nordkapphalle. Im ersten Moment kann ich gar nicht wirklich glauben das sie wirklich da ist. Dann steh ich auf, gehe zu ihr hin und nehme sie in den Arm. Mehr als ein „Hey du“ bekomm ich gar nicht raus. Nach vier einhalb Monaten, 135 Tagen, sehen wir uns endlich wieder. Im Mai haben wir uns in Oslo auf Wiedersehen gesagt und nun Ende September stehen wir hier am Nordkapp. Ein unglaublich schöner Moment.

Als das Visitorcenter um 14 Uhr schließt gehen wir noch zur Kugel und machen noch ein paar Fotos. Auch hat mir Nadine noch zwei Dinge mitgebracht. Einmal eine Gebetsfahne die ich am Zaun befestigen will und zum anderen ein Stück Heimat. Unsere Stadtflagge.

                                                      Wieder vereint
                                  Drei Langstreckenwanderer am Ziel

Wir fahren zurück zum Vandrerhjem und am nächsten Tag von dort nach Alta.

Einen weiteren Tag später treffen Nadine, Tobias und ich in Alta Simon und seine Freundin Anni mit denen wir noch zwei Tage dort verbringen. Dann geht es noch für zwei Nächte nach Tromsø, wo wir auf den Weg noch Tobias seinen Kumpel Rüdiger treffen, der auch auf dem Weg zum Nordkapp ist.

Nach den beiden Nächten in Tromsø geht es wieder zurück nach Alta. Wir haben uns nochmal für zwei Nächte im Altafjord Gjestegard eingemietet bevor es dann am 05.10. mit dem Flieger zurück nach Hause geht.

Leider kommt der Freitag viel zu schnell und so stehen wir Nachmittags in der Wartehalle und warten auf unseren Flieger. Jetzt gerade komme ich mir genauso verloren und fehl am Platze vor wie vor vier einhalb Monaten als ich mit einem 28 kg Rucksack in Oslo stand und ich der Color Line mit Nadine an Bord hinterher geschaut hatte.

Um 15 Uhr hebt unser Flieger vom Rollfeld in Alta ab und vier Stunden später schaue ich aus dem Kabinenfenster auf das Ruhrgebiet mit seinen Kraftwerken und der Montanindustrie am Rhein hinunter.

Surrealer kann diese Reise fast gar nicht zu Ende gehen. Gerade war ich noch in einer Stadt mit 12000 Einwohnern und nun sitze ich schon in der S-Bahn und fahre durch das größte Ballungsgebiet der Bundesrepublik mit seinen 5,1 Millionen Einwohnern. So viele Menschen leben in ganz Norwegen.

Bei meinem Abflug in Alta hatte ich mich gefragt wie lange wohl meine Resozialisierung dauern würde wenn ich wieder Zuhause bin. Nun etwas über einen Monat später merke ich noch immer das ich den Leuten im Supermarkt im Wege steh. Das ich immer noch nicht verstehen kann warum immer alle so gestresst und gereizt sind.

Ein Spruch den ich vor ein paar Tagen bei Facebook gelesen habe trifft auf mich im Strassenverkehr zur Zeit sehr passend zu.

Wenn du 110 km/h fährst, obwohl nur 100 erlaubt sind und du hoffst, dass die Autofahrer hinter dir nicht sauer sind, weil du so langsam fährst.

Ich denke ich werde noch eine ganze Zeit brauchen um sagen zu können ich bin vollends zurück. Wenn man das überhaupt nach einer solchen Tour von sich behaupten kann. Eher ist es wohl wahrscheinlich, das man unterwegs an diesen vielen wundervollen Orten an denen man vorbei gekommen ist viele kleine Teile seiner Selbst zurück gelassen hat und man dafür eine Menge Eindrücke mitgebracht hat.

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4 Gedanken zu “Das Nordkapp ruft

  1. Hallo Thomas
    dich auf dieser Reise begleiten zu dürfen, mitzufiebern wie du auf der Karte erst kleine dann auf einmal riesige Sprünge (Breitengrade, dann Längengrade) gemacht hast hat an einigen Stellen meine eigenen Erinnerungen wach gerufen.
    Es ist eine unglaubliche Leistung 300 Kilometer zu laufen, danach relativiert sich die Zahl nur. Oft erscheint es so surreal, als wäre diese Distanz jemand anderes gelaufen & du warst nur „Big Brother“ durch eine GoPro auf der Schulter.
    Amüsant fand ich immer wieder deine stoische Gelassenheit bei 35C, mich hätte das in den Wahnsinn getrieben.
    Ich hoffe dass du dich nach einer Weile wieder zu Recht findest, den Blick in der Ferne zu verlieren und zu träumen von Wind & Wetter, das wird sich vermutlich nie abstellen lassen.
    Auf Langtur zu sein ist ein unglaubliches Geschenk, daheim anzukommen allerdings auch eine feine Sache; warmes fliesendes Wasser, Kaffee aus der Maschine, frische Klamotten.. 🙂
    Also lasse ich mir jetzt noch einen Kaffee raus, leg die Beine hoch &lese mir die Geschichte von Thomas auf Wanderbaren Pfaden von vorne durch.
    Herzlichste Grüsse an dich & deine Frau aus dem verschneiten Engadin.
    Viva !

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    1. Mein lieber Vanja,
      danke für diese Worte.
      Surreal ist diese Reise allerdings. Man steht irgendwann irgendwo im nirgendwo und dir wird bewusst wie weit du auf einmal gekommen bist und du erfasst gar nicht richtig das du diese ganze Strecke gelaufen bist. Genauso verhält es sich mit der Ankunft am Kap.
      Lange wird es noch dauern um zu erfassen was man da geleistet hat.
      Aber wer bitte schön sagt denn das ich bei 35 Grad stoisch gelassen war.
      Ich habe am Okstindan einen Regentanz abgehalten und mich über das Wasser von oben gefreut, denn die Hitze hat mich verrückt gemacht.

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  2. Pingback: Das Nordkapp ruft – Vanja Jovanic – Fantom Slobode

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